Die letzte Retterin
29.09.2008 / Leipzig Die Leipzigerin Johanna Landgraf bewahrte zur NS-Zeit mit viel Mut eine jüdische Mutter und deren Sohn vor dem Tod – jetzt wird sie 100 Jahre alt.Die Wachstuchdecke auf dem langen Holztisch ist der einzige Hinweis auf die Gegenwart. Ansonsten ist es, als trete man in dieser Wohnung im alten Leipziger Arbeiterviertel in die 1930er Jahre: In dunklen Regalen dämmern Buchrücken mit altdeutscher Schrift. Ein schwerer Holzschreibtisch, mit Stempeln darauf, sieht aus, als habe der Leipziger Nachkriegsbürgermeister Erich Zeigner hier gerade noch gearbeitet.
Frank Kimmerle, Vorsitzender des Vereins Erich-Zeigner-Haus führt durch Räume, die noch aussehen wie damals, als sich hier Nazi-Gegner trafen, um Juden zu helfen. Hinten im Salon steht Zeigners schwarzer Flügel. Jüdische Musiker gaben, als sie im Gewandhaus nicht mehr spielen durften, Hauskonzerte. Kimmerle zeigt auf den Tisch: „Hier saßen sie zusammen. Zeigner mit Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen. Eine aus diesem Kreis war Johanna Landgraf.“
Am 11. Oktober wird Johanna Landgraf 100 Jahre alt.
Vorgetäuschter Selbstmord
Die Mutter starb, als Johanna 15 war. Seither kümmerte sich die jüdische Familie Boritzer um sie. Durch die Boritzers macht Johanna zwei schicksalhafte Begegnungen: mit dem früheren sächsischen Ministerpräsidenten Erich Zeigner, einem Sozialdemokraten, der nach einer Koalition mit der KPD im Jahr 1923 politisch kaltgestellt ist. Johanna wird ihn ein Leben lang verehren. Und mit Käthe Leibel. Die ist zunächst nur die Freundin einer Freundin. Hitler wird Kanzler, die Boritzers emigrieren. Käthe Leibel verliert ihre Wohnung, wird in einem „Judenhaus“ mit anderen zusammengepfercht. (Von Michael Kraske)
Johanna trifft Käthe, die mittlerweile den zweijährigen Sohn Jochen Richard hat, im Februar 1943. Käthe soll sich zum Abtransport stellen. Johanna redet auf sie ein: „Du kommst ins KZ nach Auschwitz, ihr werdet ermordet, tauch unter, denk an den Jungen.“
Bemerkenswert: Schon im Jahr 1943 ist Johanna vom Massenmord an den Juden überzeugt. Sie bringt Käthe zu Zeigner, zu Pater Aurelius Arkenau, beschwört die Freundin, bis sie zur Flucht bereit ist. Wenige Stunden vor der Deportation holen sie einige Sachen aus dem Judenhaus Große Fleischergasse28, Käthe schreibt einen Abschiedsbrief, täuscht Selbstmord vor.
Am 17. Februar fahren von einem Leipziger Bahnhof 1500 Juden nach Auschwitz, viele werden dort sofort vergast. In der Gottschedstraße steht heute, wo früher die Synagoge war, auf einer Tafel: „1933 bekannten sich in Leipzig 11000 Menschen zum jüdischen Glauben.“ Wer konnte und die Gefahr erkannte, emigrierte. Die Historikerin Kerstin Plowinski meint, dass nur etwa 200 Juden die Deportationen überlebten, 24 in Leipzig.
Johanna organisiert mit Zeigner und Pater Arkenau die Flucht. Sie bringt Mutter und Sohn zu der befreundeten Familie Hering, ins Dominikanerkloster nach Leipzig-Wahren, wo der Pater Juden, Polen und Sozialdemokraten für einige Tage auf dem Dachboden versteckt. Zeigner und Arkenau werden immer wieder von der Gestapo verhört, geschlagen; verraten aber nichts. Johanna denkt sich eine Lüge aus. Erzählt alten Schulfreundinnen, dass Käthe Opfer einer bösen Schwiegermutter sei. Sie quartiert Mutter und Sohn für Tage bei Frauen ein, deren Männer im Krieg sind.
Das größte Risiko ist der kleine Jochen. Seine Traurigkeit kann alle verraten. „Was hat der Junge geweint“, erinnert sich Johanna Landgraf später. „Wenn er mich sah, wusste er, dass es wieder weiterging an einen anderen Ort“. Sie muss spontan neue Verstecke finden, wenn ein Soldat plötzlich auf Heimaturlaub zur Freundin kommt. Der kleine Junge schwebt in Todesgefahr, ohne es zu wissen. „Ich habe an vieles keine Erinnerung“, erzählt Jochen Leibel später. Er wurde Journalist. Schrieb über den Prozess gegen SS-Mann Barbie, den „Schlächter von Lyon“, begann Fragen nach seiner eigenen Geschichte zu stellen. Heute wohnt Jochen Leibel in Frankreich, seine Kindheit hat er sich wie ein Puzzle zusammensuchen müssen, weil die Mutter lange schwieg. Erst als Erwachsener hat er erfahren, wie nah ihnen die Gestapo kam. „Unsere Helfer hatten ideologische Gegensätze. Aber alle waren Humanisten“, sagt Jochen Leibel.
Johanna wird als alte Frau immer wieder über diese Zeit sprechen. Auf die Frage, warum sie tat, was sie tat, hatte sie stets eine Antwort: „Das war doch eine Freundin, da konnte ich doch nicht zusehen.“ Historiker haben für diejenigen, die Juden halfen und versteckten, einen Begriff geprägt: stille Helden. Der Historiker Wolfgang Benz schätzt die Zahl der Juden, die so den Holocaust überlebten, auf einige Zehntausend. Für eine Studie recherchierte er etwa 3000 Frauen und Männer, die Juden halfen. Manche für Geld, viele aus Menschlichkeit, wie Johanna.
Leipzig wird 1943 als Versteck für die Leibels zu gefährlich. In jedem Haus können Denunzianten sein. Johanna schickt Käthe und Jochen zu Verwandten nach Thüringen. Drei Familien nehmen sie nacheinander für einige Tage auf. Ein Bauer lädt Käthe zu einer Fahrt mit der Kutsche ein. Sie verbietet dem Jungen mitzukommen, um ihn zu schützen. Sie lebt ständig in Angst, der Kleine soll davon nichts merken. „Ich weiß bis heute, wie wütend ich war, dass ich nicht mit in die Kutsche durfte“, erinnert sich Jochen Leibel Jahre später.
Die Odyssee führt sie bis nach Innsbruck, ohne gültige Ausweise. Pater Aurelius und Johanna organisieren derweil in Berlin neue Papiere. Eine Helga ist ausgebombt worden und wird vermisst. Johanna holt in Berlin eine Kennkarte auf deren Namen ab: Helga Rousseau, Nummer B444733. Käthe Leibel erhält ihre neue Identität mit einem Brief. Zufall: Auch der Sohn von Helga Rousseau heißt Richard. Pater Arkenau organisiert eine letzte Adresse: Die Leibels reisen zur Familie Koch nach Halle an der Saale, zwei gläubigen Katholiken, bei denen sie im Gärtnerhaus wohnen. Käthe arbeitet im Betrieb mit. Die Kochs sind Gegner der Nazis, die Eltern allerdings nicht. Doch die Familie wahrt das Geheimnis, Mutter und Sohn werden von amerikanischen Soldaten befreit.
Immer im Dienst
Johanna Landgraf wurde nach dem Krieg Zeigners Sekretärin. Sie heiratete nie, hatte keine eigenen Kinder. Später wurde sie Lehrerin für behinderte Schüler in der Hilfsschule West, als Rentnerin betreute sie die Kinder im Hort. Noch heute kommen ehemalige Schüler zu Besuch. Das Leben hat die kleine Frau lange nicht kleingekriegt. Als Wolfgang Tiefensee vor einiger Zeit mit einem Blumenstrauß kam, um sie zu ehren, kam er erst mal gar nicht zu Wort. „Ich wünsche mir von dir ein Museum der Arbeiterbewegung“, gab sie ihm mit auf den Weg. Sie war weit über 90, sie lachte, sie flachste, sie dachte gar nicht daran, auf ihre alten Tage mit übertriebener Ehrfurcht vor Autoritäten zu beginnen.
Auf der letzten Station
Frank Kimmerle betritt das gelbe Haus der Volkssolidarität, steigt über die Treppe in den ersten Stock. Schon auf dem Flur hört er ihre Stimme: „Das ist Johanna.“ Sie sitzt in einem Rollstuhl, ein breiter Gürtel verhindert, dass sie herausfällt. Um sie herum am Tisch sitzen andere Frauen in Rollstühlen und lauschen. Ihrer festen, durchdringenden Stimme, zwischendurch lacht sie. Was sie sagt, ist nicht zu verstehen, aber alle hören zu. Kimmerle beugt sich zu ihr: „Ich bin der Frank aus dem Zeigner-Haus. Kennst du mich noch?“ Sie nickt: „Ja.“ Kimmerle schiebt sie in ihr Zimmer, macht ein paar Fotos. Sie erzählt und lacht. Dies ist die letzte Station, kein Weg führt zurück, aber Johanna Landgraf wirkt auch hier nicht, als sei sie am Ende.
An der Wand hängt ein Foto, da steht sie als junge Frau ganz in Weiß mit ihrem Vater und dem kleinen Bruder. Sie erinnert an Sophie Scholl. Es fällt nicht schwer, in der kleinen alten Dame die lebenshungrige junge Frau zu entdecken. Kimmerle berät sich mit Johannas Schwägerin, die zu Besuch ist, ob sie verraten sollen, wer zu ihrem Geburtstag kommen wird. Johanna hat genug für heute. „Auf, los geht’s“, sagt sie. Kimmerle fährt sie zurück in den Kreis der Rollstühle.
Ein Gedenkstein wird gesetzt
Johanna ist die Letzte aus dem Kreis der Helfer. Zeigner starb schon bald nach dem Krieg, Pater Aurelius Arkenau im Jahr 1991. Sie wird es nicht mehr in das geliebte Haus mit den dunklen Regalen schaffen, aber zu ihrem 100. Geburtstag wollen einige in das gelbe Pflegeheim pilgern: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Und Jochen Leibel will aus Frankreich kommen. Zum ersten Mal mit seinem Sohn. Sie wollen bei Johanna sitzen, so lange es ihre Kraft erlaubt. Sie werden auf den Friedhof gehen, wo Jochen Leibel vor Jahren die Gräber seiner Oma und Uroma entdeckte. Und sie werden in die Friedrich-Ebert-Straße gehen, um vor dem Haus Nummer 60 einen Gedenkstein zu setzen. In dem Haus wohnte bis zur Pogromnacht sein Großonkel Martin Kober. Im Jahr 1942 wurde er in Auschwitz ermordet. In Leipzig wird Jochen Leibel feiern und trauern.
Zu Hause will er sich dafür einsetzen, dass Johanna von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wird.
Quelle: Sächsische Zeitung, 29.09.2008














